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 Chronik des Gehlerter Karnevals (Auszug!)

Die komplette Chronik findet sich, illustriert mit viele Fotos, in der Jubiläumsausgabe
"60 Jahre Karneval in Gehlert".

 Diese kann - solange Vorrat - bei der Geschäftsstelle () angefordert werden!


Carne vale – Fleisch , lebe wohl!

Das aus dem Italienischen entlehnte "Karneval" wird scherzhaft gerne von "carne vale" abgeleitet, was so viel heißt wie "Fleisch, lebe wohl!".
Wer nach möglichen Spuren des Gehlerter Karnevals in der Zeit vor 1949 sucht, wird kaum fündig werden. Weder die Unterlagen im Gehlerter Gemeindearchiv noch die Berichte von Zeitzeugen des Dorflebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deuten auf karnevalistische Aktivitäten im heute verstandenen Sinne hin. Einzig die von den Dorfvereinen organisierten Kulturveranstaltungen in den Gastwirtschaften Hülpüsch und Kunz in den 1920er bzw. 1930er Jahren mögen im Entferntesten einen gewissen Bezug zur ursprünglichen Idee des Karnevals oder der Fastnacht aufweisen; ist doch all diesen Veranstaltungen unter anderem die Zielsetzung gemein, die Besucher in aufgelockerte Stimmung zu bringen und ihnen angenehme, sich positiv vom häufig arbeits- und entbehrungsreichen Alltagsleben abhebende Erlebnisse zu bieten.
Beispielsweise verweist die Gehlerter Dorfchronik auf eine Veranstaltung  des Männergesangvereins "Concordia" Gehlert am  Abend des 11. Januar 1930 im Gasthaus Hülpüsch, bei der zwei lustige Einakter zu Lach- und Beifallsstürmen Anlass gegeben haben sollen. Wenige Wochen später veranstaltete die Freiwillige Feuerwehr Gehlert am 6. Februar 1930 eine "Tanzlustbarkeit". Ende Januar/Anfang Februar fanden in diesen Jahren regelmäßig solche Veranstaltungen statt. 

 

Die Rahmenbedingungen beim Start des Karnevals in Gehlert

Dass der Gehlerter Karneval im Jahr 1949 aus der Taufe gehoben werden konnte, kommt nicht von ungefähr. Unter dem Naziregime wären gesellschaftskritische Äußerungen mit harten Strafen belegt worden. Regime wie die Hitler-Diktatur vertragen nun mal keinen Humor und erst gar keine Ironie. Doch auch direkt nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zeit nicht reif für karnevalistische Aktionen. Zwar war das Regime abgelöst und durch die Besatzungsmächte ersetzt. Allerdings war die Lage nicht nur politisch noch eher unstabil und für so manchen Einwohner für Gehlert mit Ungewissheiten und Unsicherheiten verbunden. Trotz Währungsreform im Juni 1948 waren die Zukunftsaussichten angesichts der verheerenden Kriegsfolgen sicherlich noch sehr bescheiden. Auch das ein oder andere Soldatenschicksal stand derartigen Feierlichkeiten über einen langen Zeitraum im Weg. Zu schmerzlich waren die Verluste auch hier im Dorf. Dazu verzögerte sich die Rückkehr der über Monate und Jahre hinweg in Gefangenschaft befindlichen Gehlerter Soldaten doch beträchtlich. Gerhard Müller kehrte im Mai 1948, Erwin Klöckner erst im November 1948 aus französischer Gefangenschaft zurück.  Auch für Herbert Kunz war der Krieg erst 1949 beendet. Wie unberechenbar die Nachkriegszeiten  waren, belegt der Fall des Karl August Kunz, in dessen Gaststätte die erste Gehlerter Karnevalssitzung stattfand. Er war laut Angaben der Militärbehörden angeblich in Italien gefallen und für tot erklärt worden. Im März 1946 kehrte er nach Gefangenschaft in Amerika wohlbehalten ins Dorf zurück.

 

Die ersten Sitzungen

Ablauf und Inhalte der ersten Karnevalsveranstaltungen sind nur noch teilweise zu rekonstruieren. Fest steht, dass die erste Sitzung 1949 in der Gastwirtschaft Kunz im dortigen Saal stattfand. Hauptinitiator der Veranstaltung war Heini Schmidt. Auf die Frage, was ihn damals zu der Karnevalsinitiative bewegt habe, antwortet er kurz und bündig: "Wir wollten im Dorf einfach etwas los machen!"

Heini Schmidt war nicht nur Initiator, sondern über Jahrzehnte hinweg auch der Hauptakteur in den Karnevalssitzungen. Die "Bierzeitung", einen humoristischen, in Reimform vorgetragenen Rückblick auf die dörflichen Ereignisse in den letzten 12 Monaten, trug er anfänglich in vier Einzelakten vor. Da seine Reimchen zunehmend populärer wurden, erzählten ihm die Dorfleute während des Jahres das ein oder andere lustige Ereignis. Nach einigen Jahren  war seine "Bierzeitung" so beliebt, dass er aus dem angelieferten Material sogar auswählen konnte. Die redaktionellen Arbeiten erledigte Heini Schmidt in den letzten zwei Wochen vor der Sitzung. Die Dorfchronik war Hauptpunkt der Veranstaltung, alles andere Beiwerk. Für die musikalische Umrahmung sorgte anfänglich Heinz Schuster mit seinem Akkordeon. Daneben gab es auch Vorträge von Tilli Kunz und Emmi Rörig. Ob sie allerdings bereits bei der ersten Sitzung als Büttenredner mit dabei waren, bleibt unklar. Die Akteure konnten mit dem bei der Uraufführung erzielten Erfolg zufrieden sein. Heini Schmidt erinnert sich an eine ausgelassene Stimmung und einen vollbesetzten Saal. Der organisatorische Rahmen ist mit der späteren großen Kappensitzung im Dorf nicht vergleichbar. Es gab zwar eine Bütt. Sie war etwa 180 cm hoch und hatte zwei oder drei  Treppenstufen. Die Beiträge wurden kurz angesagt, dann stieg der jeweilige Akteur in die Bütt. Heini Schmidt wurde als "Heini Muzamo" angesagt, eine Anspielung auf seinen dressierten Kater namens "Muza". Trotz aller Vorbereitungen waren die damaligen Veranstaltungen von einem hohen Maß an Improvisation gekennzeichnet.

 

Sitzungen mit Elferrat

Der Gehlerter Karneval der 1950er Jahre wurde sehr stark von Emil Leyendecker mitgeprägt. 1951 war er zur Aufnahme eines Studiums im Bereich der Wirtschaftswissenschaften nach Köln gegangen und hatte dort die Organisation großer Kappensitzungen kennen gelernt. Er hielt dieses Konzept auch für Gehlert umsetzbar. Vermutlich schon ab 1952 begann die Orientierung am Kölner Vorbild hier in Gehlert. So kam es zur Gründung eines Elferrates. Ihm gehörten in den ersten Jahren unter anderem Josef Breuer als stellvertretender Präsident, Franz Birkner, Oswald Seiler, Reinhold Kunz, Franz Kunz, Gregor Kunz, Richard Kunz, Ewald Schmidt, Wilhelm Schäfer, Karl Kind, Wilhelm Rörig und Wilhelm Kunz an. Die Leitung der Karnevalssitzung übernahm der ohnehin überaus redegewandte  Emil Leyendecker selbst. Er ist der erste Sitzungspräsident des Gehlerter Karnevals. Auch der Ablauf der Sitzungen wurde umgestaltet. Büttenmärsche vor und nach dem Auftritt der einzelnen Akteure sowie stimmungsvolle Schunkellieder gehörten fortan zum üblichen Programm.  In der Anfangszeit regelmäßig von Carl Kind gemalte Bühnenbilder, eine ebenfalls bemalte Verkleidung der Tische des Elferrates sowie Girlanden sorgten für eine ansprechende Atmosphäre. Und wenn Emil Leyendecker nach rheinischem Vorbild die Stimmungsraketen steigen ließ, schwappte die Stimmung im Saal über. Die Westerwälder Zeitung zollte ihm anlässlich der Sitzung im Februar 1954 größtes Lob und berichtete, der Präsident habe seine Aufgabe auf eine Art erledigt, die wohl mit den größten Erfolg zu verzeichnen gehabt hätte.

 

Die Sitzungspräsidenten

Nach Beginn der Erkrankung von Emil Leyendecker im Jahr 1960 übernahm zunächst für drei Jahre Wolfgang Marx aus (Hachenburg-) Altstadt den Vorsitz im Elferrat. Er war mit dem Gehlerter Sportverein als aktiver Fußballer, später auch als Sänger der "Westerwald Buben" eng verbunden.  Nach einer kurzen Übergangszeit nahm Heini Schmidt im Elferrat das Heft in die Hand. Bis Mitte der 1970er Jahre fungierte er als alleiniger Sitzungspräsident, leitete danach bis 1997 die Sitzungen gemeinsam mit dem zweiten Sitzungspräsidenten Josef Kunz. Nach 48 Jahren karnevalistischer Aktivität beendete Heini Schmidt seine aktive Laufbahn und wurde als Ehrensitzungspräsident in den närrischen Ruhestand verabschiedet. Seither hat Josef Kunz  das Präsidentenamt alleine inne. 

 

Politische Einflussnahmen

Die Beziehung zwischen Karneval und Politik ist nicht immer frei von Spannungen. In Gehlert war das Verhältnis weitgehend unspektakulär.  Die massivsten Auswirkungen politischer Ereignisse ergaben sich im Jahre 1991, als viele Karnevalsveranstaltungen, so auch die Gehlerter Kappensitzungen, wegen des Golfkriegs abgesagt werden mussten. Auch bei den kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan in den 1990er Jahren gab es vereinzelte Stimmen, die für eine Absage der Karnevalssitzungen votierten. Allerdings setzten sich die Befürworter eines weitgehend politisch unbeeinflussten Karnevalskurses durch: Die Sitzungen fanden statt. Letztendlich ist festzustellen, dass die Gehlerter angesichts der Vielzahl der zwischenzeitlich auch von NATO-Partnern geführten Kriege gut beraten waren, sich selbst nicht allzu sehr in Abhängigkeit von der Weltpolitik zu bringen.

Dass der Karneval auch im Dorf zu erheblichen Emotionen beitragen kann, zeigt eine Karnevalssitzung Anfang der 1950er Jahr. Heini Schmidt hatte in seiner "Bierzeitung" die damaligen Gemeinderatsmitglieder einzeln "aufs Korn genommen". Der Applaus der Zuhörer gab ihm Recht. Doch einem schmeckten die Botschaften gar nicht: Alfons Kunz, damals selbst in der Dorfpolitik aktiv, zeigte sich über die bissigen Reime derart erbost, dass er mit dem Stock in der Hand in Richtung Bütt drängte, um dem karnevalistischen Treiben ein Ende zu bereiten. Da die Organisatoren offensichtlich schon mit konfliktträchtiger Reaktion des einen oder anderen gerechnet hatten, konnte ein Team von drei Ordnern, das sich um die Bütt gruppiert hatte, den zornigen Mandatsträger bremsen  und Heini Schmidt vor den Hieben  seines Kritikers in Schutz nehmen.

 

Büttenreden – Das Salz in der Karnevalssuppe

Heini Schmidts Gedichte über das Gehlerter Dorfleben bildeten anfänglich den Schwerpunkt der Beiträge. Mit vier Auftritten und insgesamt 16 bis 18 Einzelgedichten bestritt er bei jeder Veranstaltung einen Großteil des Programms. Seine Gedichte, die Heini Schmidt noch heute in einer kleinen Sammlung aufbewahrt, schildern lustige Ereignisse im Gehlerter Alltag. Sei es der erfolglose Versuch von Klaus Kunz, nach einem Gaststättenbesuch die - wie es sich später aufklärt - trächtige und daher bereits trockenstehende Kuh zu melken. Oder der Bericht über die arg verspätete Heimkehr des Skat-Enthusiasten Clemens Müller, der durch Imitation der Kuckucksuhrrufe versucht, seiner Ehefrau eine zwei oder drei Stunden frühere Rückkehrzeit vorzugaukeln.

Nachdem der Gehlerter Karneval seinen Einzugsbereich Mitte der siebziger Jahre deutlich erweitert hatte und die Veranstaltungen nunmehr von Gästen aus dem gesamten Oberwesterwaldkreis besucht wurden, musste der intensive Dorfbezug aufgegeben werden. An seine Stelle traten Reime mit Bezügen zu Politik und Zeitgeschichte.   

Büttenreden mit einer gehörigen Portion Lokalkolorit waren kennzeichnend für das karnevalistische Treiben von  Josef ("Jupp") Kunz. Mit Badekappe, rot-weiß geringeltem Hemd, Nasenknolle und Aktenmappe ausgerüstet  trat er seit 1957 als Büttenredner auf. Einzig in der Zeit seines Militärdienstes lief die Sitzung ohne ihn ab. Im Programm hatte er seinen festen Platz. Er stieg als letzter in die Bütt und verstand es, mit kernigen Sprüchen und Berichten über den Alltag in Familie, Dorf und Verein das Publikum zum Sitzungsende hin noch einmal so richtig in Wallung zu bringen. Interessant ist auch sein Bericht über das Ereignis, das in ihm einen "folgenschweren" Beschluss reifen ließ. Anfang der 1950er Jahre hatte er gemeinsam mit seinem Vater an einer Sitzung teilgenommen. Der Sitzungspräsident hatte dabei Alois Leyendecker für seine Mithilfe bei den Malerarbeiten am Bühnenbild  gedankt. Als Zeichen des Dankes wurde für den Helfer der Büttenmarsch aufgespielt, was in Josef Kunz den Vorsatz reifen ließ: Ein einziges Mal sollen die auch für mich den Marsch aufspielen.  Aus dem einen Mal wurden fast 100 Büttenmärsche, die ihn auf dem Weg zu oder aus der Bütt begleiteten. In Würdigung seiner herausragenden Verdienste um die Förderung und Erhaltung des rheinischen Karnevals zeichnete Walter Piroth, Präsidiumsmitglied des RKK (Regionalverband Karnevalistischer Korporationen,  den Gehlerter Sitzungspräsidenten Josef Kunz in der Kampagne 2007 mit einer Urkunde und einer Verdienstmedaille in Gold aus.

Über Jahre hinweg trat auch Richard Müller als Büttenredner auf. Seit mindestens 1958 gehörte er zu den Hauptakteuren und der Programmplan für 1973 sieht ihn vor mit einer Büttenrede, in der ein pensionierter Polizeibeamter über seine Erlebnisse berichtet. Ebenso erfolgreich war Oswald Hummer, der immer einen der Höhepunkte des Karnevalsprogramms vertrat. Unvergessen sind nicht nur seine selbst geschriebenen, humorvollen Reden, die meistens sein Familienleben reflektierten, sondern auch seine Kostüme, so unter anderem bei seinem Auftritt als Ölscheich zu Zeiten der "Ölkrise". Unvergessen werden auch seine Rolle als "Knieriminalrat" und sein Markenzeichen "SOS" ("Sauf-Oswald- Sauf") bleiben.   

Die Liste der Gehlerter Büttenredner ist lang: Die älteren Gehlerter erinnern sich an Büttenreden von Erwin Seiler und Rudi Schäfer Ende der 1950er Jahre, an Beiträge von Lothar Müller, an eine Büttenrede von Günter Metzger mit dem eindrucksvollen Refrain "Geeskann raus und Wasser droff" sowie an weitere Auftritte in der Bütt, davon einer mit Hirschgeweih sowie eine andere eindrucksvolle Vorstellung unter dem Titel "Trecker". Ebenfalls unvergessen ein Auftritt von Klaus Orthey als Bundeswehrsoldat in den 1970er Jahren, auf den er sich offensichtlich sehr gezielt vorbereitet hatte und bei dem er selbst offensichtlich den meisten Spaß hatte. Dietmar Schmidtgen imitierte über Jahre hinweg überaus erfolgreich Jürgen von Manger bzw. Adolf Tegtmeier und sämtliche in Deutschland verbreiteten Dialekte. Tegtmeier-Parodien waren auch die Spezialität von Klaus Heider, der die "Ruhrpottsmentalität" im Gehlerter Narrenschiff präsentierte. Ähnliche Leckerbissen bot Manfred Kosche, der die Gehlerter nach der Wende mit der "Ossi"-Kultur vertraut machte. In den 1970er Jahren stürmte Franz-Josef Leyendecker in die Bütt, sein Sohn Marc tat es ihm später gleich. Auch Rolf Schneider präsentierte das ein oder andere Büttenstück, ebenso wie Wolfgang Schäfer und Dietmar Thiel, die in den unterschiedlichsten Rollen immer wieder mit wortgewaltigen und lautstarken Tiraden zu überzeugen wusste. Nicht zu vergessen auch Heinz Walter Müller alias "Lali", der über Jahre hinweg Humoristisches aus dem Alltag eines Normalsterblichen vortrug. Nicht nur von den Größenverhältnissen her waren sie kontrast- und abwechslungsreich, die Zwiegespräche von Karl & Karlchen, die Adi Mengel und Karl-Heinz Tries vortrugen. Der Letztgenannte war zuvor schon gemeinsam mit Richard Müller im Duo aufgetreten. Schwerpunkte ganz anderer Art setzte Heinz Höhn, der von 1967 bis 1973 Lehrer in Gehlert war und der es verstand, sich mit seinen Karnevalsaktivitäten  in den Sportverein und das Dorfleben zu integrieren. Die von ihm verfassten Büttenreden beleuchteten mit der richtigen Portion Kritik und Ironie vorzugsweise die große Politik, beinhalteten aber auch den ein oder anderen Fingerzeig auf besondere Situationen in Dorf und Verein.  In den letzten Jahren haben immer wieder neue Akteure den "Sprung" in die Bütt gewagt: Horst Schmidt, bereits in Frankfurt als Karnevalist aktiv, brachte sowohl mit seinem Auftritt als "Hausfrau Erna" als auch mit seinem Zwiegespräch mit Hans Rainer Schmitz frischen Wind in die Büttenlandschaft. Dass es auch an Nachwuchs nicht mangelt, beweisen die Auftritte von Florian Wirth, der nach ersten Gehversuchen im Gehlerter Kinder- und Jugendkarneval nun mit großer Souveränität seine ersten Auftritte vor großer Kulisse gemeistert hat.     

Frauen haben die Bütt in Gehlert schon frühzeitig erobert. In den 1950er Jahren  waren es Tilli Kunz und Emmi Rörig, die den Männern den Spiegel vorhielten. In den 1970er Jahren folgten Inge Hummer, Elke Thiel und Monika Hüssing. Andrea Hummer tat es ihrem Vater Oswald gleich und trat wiederholt allein, mehrfach aber auch gemeinsam mit Sabine Müller auf. In den zurückliegenden Jahren präsentierten auch Elke und Kerstin Fischer den Gehlerter unterhaltsame Zwiegespräche. Über viele Jahre hinweg waren auch die Darbietungen der "Montagsfrauen-Gymnastikgruppe" (u.a. Schule, Stallfrauen, Litanei etc.) ein Glanzlicht jeder Kappensitzung. Dass es Frauen auch "solo" schaffen, belegte Conny Ostermann mit ihrem letztjährigen Auftritt als Clown.

 

Musikalische Leckerbissen

Die musikalische Ausgestaltung der ersten Gehlerter Karnevalssitzungen ist mit den heute üblichen Darbietungen nicht vergleichbar. Auftritte von Solisten wie Heinz Schuster wechselten mit gemeinsamem Gesang aller anwesenden Gäste. Bereits frühzeitig sorgte eine Kapelle für die musikalische Ausgestaltung der Sitzungen. So gehört das "WMA-Quintett" in der Besetzung Werner Klees, Manfred Kunz, August Wolf, Willi Welters und Manfred Schneider zum Stamm der Gehlerter Karnevalsakteure. Es folgte die Stimmungsband "Original Sunset", die sich später in "Quattro" und zuletzt in "Top Sound" umbenannte und  in unterschiedlichen Besetzungen mehr als 30 Jahre die "Haus- und Hofmusik" des Gehlerter Karnevals war. Zumindest für die Zeit ab 1958 sieht das Programm neben der Kapelle auch vier Sänger vor. Ein Foto aus dem Jahre 1959 belegt den Auftritt einer Gesangsgruppe mit dem Titel "Lossen ma us en Schnorres stiehn". Bereits der Titel verrät uns, dass es sich um die Vorläufer der späteren "Westerwald Buben" handelt. Bereits in der ursprünglichen Besetzung mit Herbert Kunz, Werner Klees, Manfred Kunz und Reinhard Jung gelang es der Gruppe, animierende und stimmungsvolle Karnevalsmusik darzubieten. In den Folgejahren hat sich die Zusammensetzung der Gruppe aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder verändert. Wolfgang Marx und Theo Fischer, beides Sänger mit eindrucksvollen Stimmen, folgten neben Heinz Hebel, der bereits 1958 einmal mit der damaligen Gruppe aufgetreten war, unter anderem Horst Zink, Josef Kunz, Hans Effertz, Bertold Schuck und Dietmar Thiel. Unvergessen auch die Auftritte der "Westerwald Buben" mit Albrecht Klöckner, der das Publikum nicht nur durch seine Akkordeonkünste beeindruckte. Unzählige Male haben die "Westerwald Buben" mit ihrem "Bubi, Bubi noch einmal" die Stimmung bei den Kappensitzungen zum Kochen gebracht. Seit Anfang der 1970er Jahre wurden die Auftritte der Gruppe maßgeblich von Heinz Höhn mitbestimmt. Er fungierte als Sänger, Texter einer Vielzahl von Liedern und Begleitmusiker auf der Orgel.  Sein besonderes Verdienst liegt darin, dass er den Gesangsbeiträgen Texte zugrunde legte, die sehr häufig auch enge Bezüge zum Dorf aufwiesen. Mitte der 1970er brachte Gaby Weyer mit modernen Schlagern Stimmung in die Narhalla. Stimmungslieder waren auch die Spezialität von Birgit Richter, Sabine Müller und Jürgen  Kunz, die nach 2000 wiederholt mit  "Pizza, Pizza - olé" und anderen deutschen Schlagern für Furore in der Dorfgemein- schaftshalle  sorgten.

Der Gehlerter Karneval war immer offen für neue Entwicklungen. So durfte 1965 die Musikgruppe "HAPETO" in der Zusammensetzung Hans-Werner Rörig, Peter Motzfeld, Toni Fritz und Dieter Leyendecker das Lied mit dem eindrucksvollen Titel "Balla Balla" aufführen, eindeutiges Anzeichen für die aufkeimende Hippie- Kultur.

Dass auch andere Vortragsarten die Stimmung bei den Kappensitzungen anheizen können, zeigen die Auftritte der neu gegründeten "Heuschwenkgruppe", der es gelingt, durch "play back" und andere Imitationen die ganz großen Künstler unserer Zeit auf die Gehlerter Bühne zu bringen.

 

"Tanzlustbarkeiten" im wahrsten Sinne des Wortes

Seit den 1970er Jahren gehörten auch Auftritte von Frauentanzgruppen zum Karnevalsprogramm. Zunächst unter Anleitung von Frau Höhn, später unter der Regie von Birgit Richter  präsentierte die Tanzgruppe Gehlert ein ums andere Mal wunderbare Garde- und Schautänze. Anfänglich in rein weiblicher Besetzung agierend, trat die Tanzgruppe seit den 1990er Jahren auch in gemischter Zusammensetzung auf. Nach ihrem Vorbild entwickelten sich Nachfolge- gruppen,  so auch die Showtanzgruppe "Let’s Dance" unter der Leitung von Milena Müller sowie die Kindertanzgruppe, die mit Gardetänzen unter Leitung von Inge Rörig seit Jahren zu einer Bereicherung des karnevalistischen Programms beitragen. Ein Beleg für die traditionell guten Beziehungen des Gehlerter Karnevals zu den Nachbarn in der Altstadt waren die Auftritte der Altstädter Tanzgruppe, die bei ihren Auftritten in den 1990er und nach 2000 wiederholt durch herausragende Tänze, farbenfrohe Kostüme und eine ausgezeichnete Choreographie überzeugten. Ähnlich geschmeidig präsentiert sich  seit Jahr- zehnten die Männertanzgruppe "Wäller Weiße Riesen", die in einer überaus schlanken Besetzung bereits in den 1980er Jahren mit einem Ententanz karnevalistisches Aufsehen erregt hatte und auch in den beiden letzten Jahrzehnten unter der Leitung von Birgit Richter und Claudia Kühn einfallsreiche und gewagte Formationen präsentierte.

 

Grenzenloser Karnevalsboom?

Liefen die Kappensitzungen in den Gaststätten Hülpüsch und Kunz in den 1950er und 1960er Jahren noch in kleinem Rahmen ab, änderte sich die Situation mit dem Neubau des Dorfgemeinschaftshauses grundlegend. Die Halle bot den Einzelakteuren und Gruppen optimale Bedingungen für das Einstudieren der Darbietungen und ermöglichte durch eine großzügige Bühne ansprechende Vorführungen. Dem Veranstalter SV Gehlert eröffnete der großzügige Hallenraum die Chance, über Jahrzehnte hinweg bis zu drei Karnevalssitzungen für etwa 1000 Gäste pro Jahr anzubieten. Gehlert wurde ein Mekka karnevalsbegeisterter Oberwesterwälder. Mit Bussen reisten die Leute z.B. aus Borod, vielen Gemeinden der Kroppacher Schweiz sowie aus dem Marienberger Land nach Gehlert an und genossen dort nicht nur die eigentlichen Kappensitzungen, sondern auch die besonderen Angebote der Karnevalsküche sowie der meist bis Sonnenaufgang geöffneten Sektbar im Keller des Dorfgemeinschaftshauses.
Drei Sitzungen bedeuten einen enormen organisatorischen Aufwand. Bis zu 110 Akteure und Helfer waren pro Veranstaltung im Einsatz. Der Karneval wurde zu einer riesigen Herausforderung, aber auch zu einer bedeutenden Einnahmequelle für den Gehlerter Sportverein. Manfred Schmidt hat sich jahrelang intensiv um die Organisation der Sitzungen gekümmert, bei denen viele Helfer auch im Hintergrund wichtige Dienste leisteten. Zwischenzeitlich zeichnet für die Organisation der Sitzungen ein Ausschuss verantwortlich, dem mehrjährig Udo Schneider vorstand und der jetzt von Horst Schmidt  geleitet wird.

Doch es blieb nicht bei den großen Sitzungen an den drei Samstagen vor dem Fastnachtswochenende. Frauensitzungen am Donnerstag der Altweiberfast- nacht und eine Kinder- und Jugendkarnevalssitzung am Rosenmontag ergänzten seit den 1980er Jahren das umfangreiche Angebot.
Der für die Helfer nach den Kappensitzungen veranstaltete Wirteball war ursprünglich ein Dankeschön des Sportvereins für alle Aktiven. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich mehr und mehr zu einer Plattform für Karnevalisten, die keinen Auftritt bei den traditionellen Kappensitzungen hatten, aber gerne ihr Können und ihren Mut auf der Bühne in kleinerem Kreis unter Beweis stellten.

Insbesondere seit der Jahrtausendwende waren die Besucherzahlen bei den Kappensitzungen rückläufig. Zwischenzeitlich zeichnet sich eine eindeutige Konsolidierung ab. Die Verantwortlichen im SV Gehlert sind überzeugt: Wir werden auch künftig Kappensitzungen in Gehlert feiern. Der Karneval bleibt Bestandteil des dörflichen Kulturangebotes.


Herausgeber: Vorstand des SV Gehlert e.V.
Vereinsanschrift: SV Gehlert e.V., Hachenburger Straße 5, 57627 Gehlert
Autor: Johannes Kunz
Mitarbeit: Antonius Kunz, Josef Kunz, Hans-Werner Rörig,
Heini Schmidt
 

Der SV Gehlert dankt allen, die durch Auskünfte oder Bildmaterial zum Zustandekommen der kleinen Karnevalschronik beigetragen haben, insbesondere Wolfgang Cappi, Margarete  Becker, Inge Kunz, Wolfgang Marx, Heinz Hebel, Bernd Rexhausen, Röder-Moldenhauer, Hans-Werner Rörig, Doris Zink.

 


 

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